Die große Mehrheit der über 160 Teilnehmer am jüngsten
MobileMonday würde für journalistische Inhalte auf digitalen
Endgeräten bezahlen, wie eine spontane Umfrage beim siebenten MobileMonday Austria ergab. Warum Medienhäuser es
trotzdem nicht verstehen, das Geld, das auf der Straße liegt
abzuholen, wurde unter anderem beim Thema "Mobile Media Revolution"
in einer renommierten Expertenrunde diskutiert.
Zahlungsbereite User
Drei bis vier Prozent der Leser, die News-Inhalte konsumieren,
haben in der Vergangenheit dafür schon einmal bezahlt. In Zukunft
können sich sogar elf bis dreizehn Prozent vorstellen zu bezahlen.
Diese Facts präsentierte Andreas Hladky (Geschäftsführer point of
origin) aus einer Studie von Forrester Research und beweist damit,
dass das Problem nicht am vermeintlichen Zahlungsunwillen der User
liegt: "Verlage und Medienhäuser verfallen dem Irrglauben, dass
Tablets wie zum Beispiel das iPad möglich machen, was im Web
misslungen ist: Der User soll plötzlich für Information bezahlen,
die online bisher immer gratis war. Das wird natürlich nicht
funktionieren. Daher ist die Hauptaufgabe der Medien innovative
Informationsangebote und -formate zu entwickeln."
Auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen, vergleicht der
deutsche neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen die
Printmedien mit der Musikindustrie: "Nur weil ich eine Zeitung
kaufe, heißt das nicht, dass ich mich für die gesamte Zeitung
interessiere. Ganz im Gegenteil: Ich will oft nur einen oder zwei
Beiträge lesen. Daher wird man bald einzelne Artikel kaufen, so wie
man heute auch einzelne Songs erwerben kann. Dies bietet Chancen
für intelligente Rebundling Angebote." Ankershoffen deutet dabei
an, dass Google bereits an ähnlichen Konzepten arbeitet.
Der Vergleich mit der Musikindustrie hinkt allerdings für Peter
Krotky. Der Geschäftsführer und Chefredakteur von DiePresse.com
nennt dafür folgenden Grund: "Ein Musikprodukt verwendet man 30
Jahre lang, ein journalistischer Artikel ist in der Regel am
nächsten Tag schon nicht mehr interessant." Auch das gute alte Abo
wird an diesem Abend als mögliches Modell diskutiert, denn Werbung
wird als Einnahmequelle nur dann eine Rolle spielen, wenn
Reichweiten geboten werden. Krotky verrät aus Gesprächen mit
Mobilfunkexperten: "In Österreich rechnet man angeblich mit einem
Verkauf von 50.000 Tablets pro Jahr."
Hyper-egoistische User
"Der User ist am Business Case der Medienlandschaft nicht
interessiert", tönt es während der Podiumsdiskussion von der
Twitterwall. "Was den User tatsächlich interessiert, sind lean
solutions", erklärt Agentur-Chef Andreas Hladky, also schlanke und
einfache Lösungen, die genau dann die passende Information liefern,
wenn der Benutzer sie will. Und nicht dann, wenn jemand anderer -
zum Beispiel ein Journalist - bestimmt, dass er die Information
lesen soll. "Es ist keine technische Revolution, der wir hier
gegenüberstehen, sondern eine menschliche.", meint Dr. Martin
Zimper von CAST-Zürcher Hochschule d. Künste: "Wir beginnen eine
Mensch-Maschine Beziehung zu leben". Hladky nennt diese Revolution
eine Entwicklung hin zum "hyper-egoistischen User" und
veranschaulicht, dass mobile Apps dem "Lean Prinzip" schon längst
folgen.
Ist also die Zeit, in der ein Journalist dem Leser selektierte
Infos auf dem Silbertablett servierte, vorbei? "Ja!", bestätigt
neofonie-CEO Helmut Hoffer von Ankershoffen, der das iPad
Konkurrenzprodukt "WeTab" auf den Markt bringt: "Diese Aufgabe kann
von Journalisten nicht mehr erfüllt werden. Der einzige, der
wirklich versteht was für mich relevant ist, bin ich selbst. Die
Zeiten sind vorbei, in denen allein der Chefredakteur bestimmt was
für mich relevant ist. Qualitätsjournalismus sollte sich der
Zusammenarbeit mit Social Media und personalisierten Suchmaschinen
öffnen." Xpress und news.at Chefredakteurin Mesi Tötschinger sieht
das etwas anders: "Die Steinzeit ist ja auch nicht zu Ende
gegangen, weil es keine Steine mehr gab. Es wird weiterhin guten
Journalismus geben, aber wir müssen herausfinden, welchen Inhalt
wir auf welchen Kanälen verbreiten."